
In der Lebensmittel-, Getränke- und Pharmaindustrie sind Schweißnähte keine rein mechanische Angelegenheit. Überall dort, wo Rohrleitungen, Behälter oder Prozessanlagen direkt mit Produkten in Berührung kommen, entscheidet die Qualität der Naht über Hygiene, Reinigbarkeit und Normenkonformität der gesamten Anlage.
Besondere Anforderungen an Schweißnähte in der Lebensmittelindustrie
Eine Molkerei, die ihren Rohrleitungen täglich CIP-Reinigungszyklen aussetzt. Eine Brauerei, deren Anlagen CO₂-Druck und Temperaturschwankungen standhalten müssen. Eine Pharmafirma, die bei jedem Audit eine lückenlose Schweißnahtkontrolle vorlegen muss. Was diese drei Branchen gemeinsam haben: Eine einzige schlecht ausgeführte Schweißnaht kann ausreichen, um Reinigungsprozesse zu unterlaufen, Keime zu beherbergen oder beim nächsten Audit Probleme zu verursachen.
Das liegt in der Natur der Sache. Poren, Einbrandkerben oder raue Oberflächen entstehen selbst bei sorgfältiger Arbeit, wenn Verfahren, Materialwahl und Nachbearbeitung nicht auf die spezifischen Anforderungen der Branche abgestimmt sind. Rückstände setzen sich fest, Reinigungsmedien kommen nicht überall hin und die Anlage erfüllt ihren Zweck nicht mehr zuverlässig.

Eine lebensmittelkonforme Schweißnaht ist deshalb die handwerkliche und normative Grundlage für eine Anlage, die dauerhaft sicher, reinigbar und auditfähig bleibt.
Was „lebensmittelkonform“ technisch bedeutet
Rauheit Ra ≤ 0,8 µm – der entscheidende Grenzwert

Ra bezeichnet die mittlere arithmetische Rauheit einer Oberfläche. EHEDG und die 3-A Sanitary Standards geben für alle produktberührenden Flächen einen maximalen Ra-Wert von 0,8 µm vor.
Zum Vergleich: Eine standardmäßig gebeizte Rohroberfläche liegt bei etwa 2,5 µm und ist damit rund dreimal rauer als zulässig. Unterhalb von Ra 0,8 µm finden Bakterien kaum noch Anhaftungspunkte. Für Hochreinanwendungen in der Pharmaindustrie werden häufig noch niedrigere Werte von Ra ≤ 0,4 µm gefordert.
CIP und SIP: Die Reinigungskonzepte hinter dem Standard
CIP (Cleaning in Place) bedeutet, dass Anlagen im eingebauten Zustand gereinigt werden, ohne dass eine Demontage erforderlich ist. Voraussetzung dafür ist eine durchgehend hygienegerechte Ausführung ohne Toträume, Spalten oder raue Schweißnähte.
SIP (Sterilization in Place) geht einen Schritt weiter: Die Anlage wird im eingebauten Zustand mit Dampf bei Temperaturen von bis zu 140 °C sterilisiert. Dieses Verfahren ist in der Pharmaindustrie Standard und stellt besonders hohe Anforderungen an die Beständigkeit der Schweißnähte gegenüber Temperaturwechseln und Druck.
Hygienic Design: die Kernanforderungen

Schweißnähte müssen vollständig durchgeschweißt sein und dürfen keine Wurzelfehler aufweisen. Sie müssen porenfrei und rissfrei ausgeführt werden. Toträume, Spalten und scharfe Kanten sind zu vermeiden. Der Übergang vom Nahtbereich zum Grundwerkstoff muss glatt und gleichmäßig sein. Zusätzlich ist beim Schweißen Formiergas erforderlich, um die Rohrinnenseite vor Oxidation zu schützen.
Normative Anforderungen an Schweißnähte in der Lebensmitteltechnik
Das Regelwerk für lebensmittelkonforme Schweißarbeiten gliedert sich in drei Ebenen: Prozess, Hygiene und Material. In der Praxis greifen diese Bereiche ineinander, sodass häufig mehrere Normen gleichzeitig berücksichtigt werden müssen.
Hygieneanforderungen
Im Bereich Hygiene geben mehrere Standards die Richtung vor:
- Die EHEDG gilt als maßgeblicher europäischer Hygienestandard und De-facto-Industrienorm. Gefordert werden Ra ≤ 0,8 µm, Spaltfreiheit und vollständige Reinigbarkeit. STW ist EHEDG-Mitglied.
- Die DIN EN 1672-2 konkretisiert die Hygieneanforderungen an Lebensmittelmaschinen auf Basis der EU-Maschinenrichtlinie.
- Die 3-A Sanitary Standards fordern ebenfalls Ra ≤ 0,8 µm, Mindestradien an Innenecken (≥ 3,2 mm) sowie vollständige Durchschweißung und sind besonders in der Milch- und Getränkeindustrie verbreitet.
Prozess- und Ausführungsanforderungen
Für die Qualität und Ausführung der Schweißprozesse gelten folgende Regelwerke:

- DIN EN ISO 3834-2 definiert die Anforderungen an das Schmelzschweißen und stellt reproduzierbare, kontrollierte und dokumentierte Prozesse sicher. STW ist nach dieser Norm zertifiziert.
- DIN EN ISO 5817 legt Grenzwerte für Nahtunregelmäßigkeiten wie Poren, Einschlüsse und Risse fest und bildet die Grundlage für die Schweißnahtabnahme.
- EN 1090-1 und EN 1090-2 regeln die Ausführung von Stahltragwerken und Schweißkonstruktionen. STW ist nach beiden Teilen zertifiziert.
- Das AD 2000-Merkblatt HP 0 / HP 100 R gilt für Druckbehälter und drucktragende Rohrleitungen. STW ist nach HP 0 und HP 100 R zertifiziert.
Materialanforderungen
Auch die Materialwahl ist klar geregelt. Die EU-VO 1935/2004 schreibt vor, dass keine Materialbestandteile auf Lebensmittel übertragen werden dürfen und bildet damit die Grundlage für die Auswahl geeigneter Werkstoffe.
Kritische Schweißfehler und ihre Auswirkungen auf Hygiene und Qualität
Die gefährlichsten Schweißfehler in der Lebensmittelindustrie sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Sie werden oft erst sichtbar, wenn der Schaden entstanden ist.

- Poren entstehen durch eine falsche Schutzgasführung oder durch Feuchtigkeit im unmittelbaren Schweißbereich. Sie bilden unsichtbare Hohlräume, die ideale Bedingungen für Mikroorganismen bieten.
- Anlauffarben auf der Rohrinnenseite weisen darauf hin, dass kein Formiergas eingesetzt wurde und die Passivschicht beschädigt ist. Die Naht ist dadurch nicht mehr CIP-beständig.
- Einbrandkerben führen zu Vertiefungen am Nahtübergang, in die Reinigungsmedien nicht vollständig eindringen können. Das begünstigt die Ansiedlung von Keimen.
- Eine unvollständige Durchschweißung hinterlässt Spalte hinter der Naht, die sich mit Medium füllen und weder zuverlässig gereinigt noch geprüft werden können.
- Nahtüberhöhungen erzeugen Strömungsschatten in Rohrleitungen, beeinträchtigen die CIP-Reinigung und verhindern, dass der geforderte Ra-Wert erreicht wird.
- Interkristalline Korrosion gilt als besonders tückisch. Sie entsteht durch ungeeignete Materialwahl oder zu hohe Zwischenlagentemperaturen beim Schweißen, breitet sich entlang der Korngrenzen aus und wird häufig erst Monate nach der Inbetriebnahme sichtbar.
Auswahl des richtigen Schweißverfahrens für hygienische Anwendungen
WIG-Handschweißen

Das WIG-Verfahren gilt als Präzisionsverfahren für lebensmittelkonforme Schweißnähte. Eine nicht abschmelzende Wolframelektrode erzeugt den Lichtbogen, während Argon die Schweißzone vor Oxidation schützt und Formiergas die Rohrinnenseite absichert. Das Ergebnis sind spritzerfreie, glatte und porenfreie Nähte mit geringer Wärmeeinflusszone.
Der entscheidende Vorteil liegt in der hohen Flexibilität. In Zwangslagen, bei beengten Platzverhältnissen und komplexen Geometrien ist WIG-Handschweißen oft das einzige Verfahren, das zuverlässig eingesetzt werden kann. In der Außenmontage ist das tägliche Praxis.
Orbitalschweißen – wenn Präzision nicht verhandelbar ist

Der Schweißkopf bewegt sich vollautomatisch kreisförmig um das Rohr, wobei alle Parameter vorprogrammiert sind. Das Ergebnis sind gleichmäßige, farblose und vollständig dokumentierte Nähte mit hoher Wiederholgenauigkeit. Dieses Verfahren eignet sich besonders für Pharma-Audits und Serienfertigungen.
STW setzt Orbitalschweißanlagen mit geschlossenen Schweißzangen für Rohrdurchmesser bis 168,3 mm ein. In der Vorfertigung in Nördlingen ist das Orbitalverfahren der Standard für Rohrleitungsverbindungen.
MIG-Schweißen
Schneller und wirtschaftlicher als WIG, aber mit breiterer Wärmeeinflusszone und geringerer Oberflächenpräzision. Für Gestellbau und größere Blechstärken geeignet. An produktberührenden Flächen wird es durch WIG oder Orbital ersetzt.
Das richtige Verfahren ist nicht das teuerste – sondern das, das für Bauteilgeometrie, Einbausituation und Hygieneauflagen passt. STW entscheidet das individuell.
Materialwahl: 1.4301 oder 1.4404?

Der Korrosionsschutz von Edelstahl basiert auf der Passivschicht. Dabei handelt es sich um eine nur wenige Nanometer dünne Chromoxidschicht, die sich durch den Kontakt mit Sauerstoff bildet und selbstheilend ist. Beim Schweißen wird diese Schicht in der Wärmeeinflusszone vorübergehend zerstört. Werden die Prozessparameter nicht korrekt eingehalten, können sich Chromkarbide an den Korngrenzen ablagern. In diesen Bereichen regeneriert sich die Passivschicht nicht vollständig. Die Folge ist interkristalline Korrosion.
1.4301, auch als V2A bekannt, ist der weltweit am häufigsten eingesetzte Edelstahl. Er ist gut schweißbar, wirtschaftlich und für Anwendungen ohne starke Säure oder Chloridbelastung ausreichend. STW verarbeitet 1.4301 im Laser und Blechbereich.
1.4404, auch als V4A oder 316L bezeichnet, ist der Standard für hygienisch anspruchsvolle Anwendungen. Der Molybdänanteil von 2 bis 2,5 Prozent erhöht die Korrosionsbeständigkeit deutlich, insbesondere gegenüber Chloriden aus CIP Reinigungsmedien. Der sehr niedrige Kohlenstoffgehalt von maximal 0,03 Prozent verhindert die Karbidausscheidung beim Schweißen. Eine nachträgliche Wärmebehandlung ist daher nicht erforderlich. Für alle produktberührenden Komponenten in der Lebensmittel, Getränke und Pharmaindustrie ist 1.4404 die klare Empfehlung und in vielen Projekten vertraglich vorgegeben.
Ob V2A oder V4A die richtige Wahl ist, hängt von den Anforderungen Ihres Projekts ab. STW berät Sie frühzeitig und liefert die Werkstoffnachweise, die Ihre Qualitätssicherung benötigt.
Chemische und elektrochemische Nachbearbeitung von Schweißnähten
Anlauffarben und Oxidrückstände entstehen beim Schweißen unvermeidlich und müssen fachgerecht entfernt werden, damit die Passivschicht ihre volle Schutzwirkung entfalten kann.
Beizen mit Salpetersäure und Flusssäure entfernt Anlauffarben und Oxidschichten chemisch und reaktiviert die Metalloberfläche. Für gezielte Nahtbehandlung geeignet, erfordert aber Neutralisation und fachgerechte chemische Entsorgung.
Passivieren baut gezielt eine stabile Chromoxidschicht auf. Das Werkstück wird in einer Säurelösung (nach ASTM A380) behandelt, die freie Eisenreste entfernt und die Chromkonzentration an der Oberfläche erhöht, ohne die mechanische Oberflächenstruktur zu verändern.
Elektropolieren ist der Goldstandard für Pharma und Steriltechnik: Die Edelstahloberfläche wirkt als Anode in einem Elektrolytbad, mikroskopische Oberflächenspitzen werden elektrochemisch abgetragen, die Rauheit sinkt deutlich unter Ra 0,8 µm. Optik, Reinigbarkeit und Korrosionsbeständigkeit werden in einem Schritt verbessert.
Auditfähigkeit durch geprüfte Qualität und vollständige Dokumentation
Eine Anlage, die nicht auditfähig dokumentiert ist, gilt bei Kundenprüfungen als nicht konform – unabhängig von der tatsächlichen Nahtqualität. Gängige zerstörungsfreie Prüfmethoden sind die Sichtprüfung, Endoskopie für die Inneninspektion von Rohrleitungen, Ferritmessung, Rauheitsmessung sowie die Druckprüfung vor Inbetriebnahme.

STW setzt Endoskope bis 7,5 m Länge, Restsauerstoffmessgeräte, Ferritoscope und kalibrierte Rautiefenmessgeräte ein. Die projektbegleitende Dokumentation umfasst Schweißanweisungen (WPS), Schweißerqualifikationen nach DIN EN ISO 9606-1, Prüfberichte, Endoskopieergebnisse und – beim Orbitalschweißen – die automatisch generierten Schweißparameterprotokolle. Für Engineeringunternehmen übernimmt STW auf Wunsch die gesamte Baustellendokumentation.
Branchenanforderungen an lebensmittelkonforme Schweißnähte
Brauereien & Getränkeindustrie

Brauereien zählen zu den schweißtechnisch anspruchsvollsten Umgebungen. Rohrleitungen und Prozessanlagen sind dort dauerhaft einer Kombination aus Biersäure, CO₂-Druck und aggressiven CIP-Medien ausgesetzt. Unter diesen Bedingungen versagen minderwertige Schweißnähte schnell.
Als Werkstoffstandard gilt 1.4404. STW hat für namhafte Brauereien bereits Prozessanlagen und Rohrleitungssysteme realisiert, von der Vorfertigung in Nördlingen bis zur Außenmontage direkt in der Produktion.
Molkereien & Milchverarbeitung

Milch ist biologisch hochaktiv. Bereits kleinste Oberflächendefekte in Rohrleitungen können ausreichen, um Keimwachstum zu ermöglichen. Deshalb werden Anlagen in Molkereien täglich mehrfach mit CIP-Zyklen gereinigt, die Schweißnähte und Dichtflächen über Jahre hinweg stark beanspruchen.
EHEDG- und 3-A-Konformität sind dabei keine Zusatzanforderung, sondern eine grundlegende Voraussetzung. STW ist EHEDG-Mitglied und liefert die Dokumentation, die bei Molkerei-Audits gefordert wird.
Pharmaindustrie & Biotechnologie

Sterile Produktionsprozesse lassen keinen Spielraum. Anforderungen wie Ra ≤ 0,4 µm, eine vollständige Schweißnahtkontrolle, GMP-konforme Dokumentation, SIP-Fähigkeit und Orbitalschweißen mit lückenloser Parameteraufzeichnung sind in dieser Branche Standard.
STW baut gezielt Kapazitäten in der Pharmasparte aus und verfügt über die dafür notwendigen Zertifizierungen und Verfahren.
Kosmetik, Chemie & Maschinenbau

Auch außerhalb der klassischen Lebensmittelbranche gelten vergleichbare Anforderungen. Kosmetikhersteller unterliegen der EU-Verordnung über Materialien in Lebensmittelkontakt, die chemische Industrie fordert hohe Korrosionsbeständigkeit gegen aggressive Medien. STW liefert in diesen Bereichen denselben Standard wie in der Lebensmittelproduktion, mit den gleichen Zertifizierungen und der gleichen Dokumentationstiefe.
Gerne beraten wir Sie zu lebensmittelkonformen Schweißnähten. Jetzt Kontakt aufnehmen
FAQ
Wann ist eine Schweißnaht nicht mehr lebensmittelkonform?
Eine Schweißnaht gilt als nicht lebensmittelkonform, wenn sie die hygienischen oder normativen Anforderungen nicht erfüllt. Typische Ursachen sind zu hohe Rauheit, Poren, Risse, Anlauffarben oder unvollständige Durchschweißung. Auch fehlende Dokumentation oder nicht eingehaltene Normen können dazu führen, dass eine Naht bei Audits als nicht konform bewertet wird.
WIG-Hand oder Orbital – wann kommt welches Verfahren zum Einsatz?
WIG-Handschweißen wird eingesetzt, wenn Platzverhältnisse oder Geometrien den Einsatz automatisierter Verfahren ausschließen, etwa bei der Außenmontage. Orbitalschweißen ist der Standard in der Vorfertigung und ermöglicht gleichbleibende, dokumentierte und reproduzierbare Ergebnisse. STW wählt je Projekt das passende Verfahren oder eine sinnvolle Kombination.
Was bedeutet Ra ≤ 0,8 µm und wie wird dieser Wert sichergestellt?
Ra beschreibt die mittlere Oberflächenrauheit. Bei 0,8 µm finden Bakterien kaum Anhaftungspunkte. STW misst die Rauheit mit kalibrierten Rautiefenmessgeräten und dokumentiert die Ergebnisse. Für Pharmaanwendungen können auf Wunsch auch Ra ≤ 0,4 µm erreicht werden.
Wird die Nahtqualität vollständig dokumentiert?
Ja, alle relevanten Unterlagen werden bereitgestellt. Dazu gehören WPS, Schweißerqualifikationen, Prüfberichte, Endoskopieergebnisse und Rauheitsmessungen sowie beim Orbitalschweißen vollständige Parameterprotokolle. Auf Wunsch übernimmt STW auch die komplette Baustellendokumentation für Engineeringunternehmen.
Können Sie kurzfristig für die Außenmontage verfügbar sein?
Bei dringenden Projekten ist ein Einsatz in der Regel innerhalb von zwei Wochen möglich. Für größere Projekte stimmen wir die Termine individuell ab. STW ist bundesweit und international im Einsatz.